"Die frühere Aufteilung in Arbeit und Freizeit wird einer neuen Dreiteilung weichen müssen, nämlich Arbeitszeit, Sozialzeit und Freizeit.
Unter Sozialzeit wird nicht nur die Zeit verstanden werden können, in der wir uns um den eigenen Vater kümmern, sondern auch die Zeit, in der wir uns um Menschen kümmern, mit denen wir nicht verwandt sind. Das soziale Engagement kann nicht einfach an bezahlte Kräfte delegiert werden. Wir brauchen eine Infrastruktur ehrenamtlicher Hilfen.
Ehrenamtliche Arbeit kann oft unmittelbarer, natürlicher, wärmer sein als professionelle, die immer auch eine gewisse Distanz voraussetzt. Es gibt Bereiche, wo professionelle Qualifikationen nicht notwendig sind, wo persönliche Betroffenheit die Hauptsache ist. Und: Betreuung bedeutet oft ganz schlicht: Zeit haben für Alltäglichkeiten.
Der Staat kann ehrenamtliche Hilfen nicht verordnen. Er kann aber die Voraussetzung schaffen, unter denen ehrenamtliche Hilfe möglich wird. Ehrenamtliche Hilfen sind nicht voraussetzungslos. Unsere Aufgabe ist es, Helfen leichter zu machen. Wir brauchen eine Infrastruktur für ehrenamtliche und freiwillige Hilfen. Darüber hinaus müssen die Fähigkeiten und die Bereitschaft zum Helfen eingeübt werden. Ich hoffe, daß von diesem Kongreß aus neue Ansätze und Modelle in die Diskusssion eingebracht werden, Beispiele aus dem Ausland, aber auch Ansätze, die bei uns erprobt werden. Mut zum Experiment ist gefragt.
Vermittlungsprobleme lösen und Anlaufstellen schaffen
Das Wichtigste, was wir schaffen müssen, ist, Hilfsbedürftige und Helfer zusammenzubringen. Sie müssen sich kennenlernen. Neue Formen der Vermittlung zwischen Hilfesuchenden und Helfern müssen gefunden werden.
Im Kiezbereich brauchen wir Anlaufstellen und Treffpunkte. Sollte das Motto der Zukunft nicht lauten: Nachbarschaftsheime statt neuer Schwimmbäder, Selbsthilfetreffs statt Oberstufenzentren?
Das Vermittlungsproblem löst sich spontan und unorganisiert. Dazu werden auch neue professionelle Helfer benötigt werden. Erwerbsarbeit wird heute durch die Bundesanstalt für Arbeit vermittelt. 16000 Menschen beschäftigen sich damit hauptberuflich. Wer aber bringt Hilfebedürftige und freiwillige Helfer zusammen?
Fähigkeiten zum Helfen einüben, Helfen lernen
- Will man eine Kultur freiwilliger Hilfen schaffen, so müssen die Menschen mit solchen Hilfen früh und immer wieder Kontakt bekommen, um diese Fähigkeiten zu trainieren und Sozialisationswirkungen zu erreichen.
Wir brauchen eine breite Diskussion über viele Vorschläge. Nötig ist eine kreative Diskussion, und deshalb sollte man sich davor hüten, Denkverbote und Tabus zu erlassen. Man kann über Vorschläge diskutieren, ohne daß man sie sich zu eigen macht. Was gibt es bisher für Vorschläge? Zum Beispiel:
Soziale Dienste (Soziales Helfen) als Schulpraktikum/ Berufspraktikum; - Sozialurlaub analog zum Bildungsurlaub;
- Patenschaften;
- Soziales Pflichtjahr für alle: so viel man auch dagegen einwenden mag; diskutiert werden muß darüber.
Bereitschaft zum Helfen fördern
- Die freiwillige Hilfe darf nicht Privileg weniger sein, die es sich leisten können. Deshalb:
Aufwandsentschädigungen verschiedener Art müssen eingeführt werden. Zwar bleibt es bei dem Grundsatz, daß freiwillige Hilfe nicht bezahlt wird. Kosten darf sie die Gemeinschaft dennoch etwas; - Pflege- und Erziehungsjahre in der Rentenversicherung; - überdacht werden sollten zum Beispiel auch sehr einfache Vorschläge- wie etwa "Freie Fahrt für freiwillige Helfer" (im öffentlichen Nahverkehr);
- Gutscheinsysteme in verschiedenen Formen, zum Beispiel auch generationsübergreifende Selbsthilfegruppen, die Pflegeleistungen austauschen und Förderungen erhalten;
- Oma-Läden analog zu Kinder- und Schülerläden. Gedacht ist daran, auch hier Gruppen von Betroffenen zusammenzuführen und ihnen gemeinsam die Betreuung ihrer Angehörigen zu erleichtern.
- Mut zum Experiment: In Berlin haben wir in den vergangenen Jahren eine Fülle zusätzlicher Angebote ausprobiert, um freiwilliges Helfen zu fördern, von der Unterstützung der Sozialkomissionen in den Bezirken, über das neue 1,2-Millionen-Mark-Programm für die Unterstützung neuer Vermittlungsinstitionen, über die Finanzierung von Sozialarbeiterstellen in den 64 Sozialstationen bis hin zu den vier großen Werbefeldzügen für mehr ehrenamtliche Arbeit reicht das Spektrum der Aktivitäten zur Unterstützung der freiwilligen sozialen Arbeit in Berlin. Auf dem Kongreß wird die Gelegenheit bestehen, über Erfolge, aber auch über Mißerfolge zu berichten.
Ich bin mir darüber im klaren, daß wir für eine Kultur des Helfens auch eine Veränderung der vorherrschenden Prestigeskala erreichen müssen. Mancher mag dies für aussichtslos halten. Aber: Vor 20 Jahren galten die Naturschützer auch noch als Exoten."
