buch33

Die neue Kultur des Helfens, 1990 (Auszüge)

"Familie, Pflege, Arbeit zeigen, daß eine gestaltende Sozialpolitik möglich ist. Ich habe mich weniger mit der Mißbrauchsdiskussion beschäftigt (in Berlin wurden deshalb entsprechend dem Gesetzesauftrag Sozialhilfeempfänger konsequent zu gemeinnützigen Arbeiten herangezogen). Ich habe mich auch weniger mit der Diskussion über die individuelle oder kollektive Absicherung bestimmter Risiken befaßt (selbstverständlich müssen nicht die vom einzelnen tragbaren, sondern die vom einzelnen nicht tragbaren Risiken abgesichert werden). Diese Überlegungen sind wichtig und Gegenstand ständiger Weiterentwicklung der Sozialpolitik.

Wichtiger aber ist:

1. An die Stelle des Abschiebens und Abschreibens gesellschaftlicher Probleme hin in Spezialinstitutionen und große gesellschaftliche Einrichtungen muß verstärkt das Bemühen treten, diese Probleme nah am einzelnen Menschen und der kleinen Gruppe zu lösen, dort, wo sie entstanden sind.
2. Eine Verschwendung der Gelder widerspricht dem sozialen Gedanken. Es muß über Perioden hinweg langfristig gedacht und geplant werden. Gerade die Bereiche der ambulanten Betreuung und der Prävention zeigen, daß eine kurzfristige Politik des Nichtausgebens von Geld kurzsichtig sein und langfristig gesehen sehr teuer werden kann, wenn solche notwendigen Zukunftsinvestitionen versäumt werden.
3. Umbaumaßnahmen im Sozialbereich bedürfen der Akzeptanz der Bevölkerung. Die Zustimmung gründet sich wesentlich darauf, daß die Menschen die Zusammenhänge auch verstehen können. Den Menschen muß einleuchten, wofür etwas gespart werden soll. Die Akzeptanz von Umbaumaßnahmen hängt also entscheidend davon ab, ob es gelingt, die inhaltliche Koppelung von Abbau- und Ausbaumaßnahmen deutlich zu machen. Die Menschen werden ihre Zustimmung nur geben, wenn sie wissen, daß es gerecht zugeht, und wenn sie wissen, daß die Forderung nach Umbau für alle Bereiche gilt.
4. Alle Bereiche staatlicher Aktivitäten stehen vor der Notwendigkeit eines ständigen Umbaus entsprechend den sich wandelnden Verhältnissen. Das betrifft eben nicht nur den Bereich der Sozialpolitik. Wichtig ist es daher für die Sozialpolitik, darauf zu achten, daß Umbau nicht alleine ihr zur Pflichtaufgabe gemacht wird. Auch andere Besitzstände und die Subventionen schulden immer wieder eine Begründung. Die Sozialpolitik darf jedoch nicht zögern, in ihrem Bereich als richtig anerkannte Umbaunotwendigkeiten auch energisch anzupacken."