Auszug aus KMA 06/2007 dem Magazin für die Gesundheitswirtschaft
Der Politiker
PORTRÄT
ULF FINK
65 Jahre ist Ulf Fink alt, aber an Ruhestand denkt er noch lange nicht. Zunächst gilt es das 10-jährige Jubiläum des Berliner Haupstadtkongresses zu feiern, den er erfunden und zum erfolgreichsten Projekt seiner Nachpolitik-Karriere gemacht hat.
Ulf Fink stammt aus Freiberg, einer Kleinstadt zwischen Chemnitz und Dresden. „Ich liebe diese Stadt“, sagt er und ist immer noch häufig in Sachsen zu Besuch. Aufgewachsen ist er dort nicht im eigenen Elternhaus, sondern hauptsächlich bei den Großeltern, weil der Vater im Krieg gefallen war. Die Mutter heiratet zum zweiten Mal, einen Architekten, der frühzeitig erkennt, dass er in der damaligen Sowjetzone beruflich nicht weit kommen wird und ihm in Westdeutschland die besseren Möglichkeiten winken. Die Familie zieht mit ins Ruhrgebiet, was besonders für Ulf ein schmerzhafter Einschnitt ist: Ihm fehlt sein Großvater, der für ihn wie ein Vater war, er spricht Sächsisch in der reinsten Form und wird dafür in der Schule gehänselt. Zudem muss er eine halbe Klasse überspringen, was ihm nicht leichtfällt. Heute ist Ulf Fink seinem Stiefvater für die Übersiedlung in den Westen dankbar, weil er sieht, dass der Umzug auch für ihn und seine insgesamt vier Geschwister die richtige Entscheidung war. „Trotzdem habe ich immer noch eine enge Verbindung zu Ostdeutschland und gelte seit meiner Schulzeit als Experte für die DDR.“ Für einen Aufsatz über eine mögliche Wiedervereinigung und deren Folgen gewinnt er als Jugendlicher einen Preis.
Nach dem Studium der Volkswirtschaft in Marburg, Hamburg und Bonn geht Fink auf Empfehlung seines Professors ins Bundesarbeitsministerium und beschäftigt sich dort mit der Frage der ungerechten Vermögensverteilung in Deutschland. Im Arbeitsministerium lernt er gleich zu Beginn seiner Karriere Menschen kennen, die ihn ein Leben lang begleiten sollen: Baldur Wagner, den späteren Staatssekretär im Gesundheitsministerium, oder Hans Katzer, den damaligen Arbeitsminister. Katzer beeindruckt Fink sogar so sehr, dass er einem Angebot, ins Bundeskanzleramt zu wechseln, nicht folgt. Stattdessen bleibt er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsministerium.
1969 verliert die CDU die Wahl, was den damals noch parteilosen Fink nicht sonderlich beeindruckt, ihm sogar eher gefällt, weil er den CDU-Kanzler Kurt-Georg Kiesinger sowieso nicht mag. Hans Katzer wird neben Gerhard Stoltenberg stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU und holt Fink zu sich in die Fraktion. Der kann hier mit gerade einmal 30 Jahren das neue Krankenhausfinanzierungsgesetz mit entwickeln und Gesetzesentwürfe zur Rentenreform mit formulieren. Der junge Mann ist deshalb stolz und glücklich.
Zu diesem Zeitpunkt ist Ulf Fink seit fünf Jahren verheiratet. „Es hatte sich recht früh Nachwuchs angemeldet“, kommentiert er diesen Schritt. Seine Frau kannte er schon aus der Schulzeit und traf sie beim Studium wieder. 1964 kam die erste Tochter zur Welt. Fink selbst stammt aus einer Großfamilie: Er ist mit vier Brüdern aufgewachsen. Das sei eine tolle Erfahrung, sagt er. Man konnte nicht alles für sich allein haben und lernte früh, dass man anderen helfen muss, wenn man möchte, dass einem selbst auch einmal geholfen wird. Ein Stück soziale Kompetenz, die ihm im Leben weitergeholfen hat.
1972 tritt Fink der CDU bei: „Alle bejubelten damals Willy Brandt, als wäre er der neue Messias. Da habe ich gedacht, das mache ich jetzt mal ganz anders“, sagt er. Aus dieser Antihaltung heraus entscheidet er sich für die andere große Partei, die bis heute seine politische Heimat ist. Viele seiner Parteifreunde schätzt er sehr, vor allem Heiner Geißler und Rita Süssmuth. Nur mit seinem Ex-Vorsitzenden, dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, kann und konnte er nicht „Deshalb bin ich auch von Bonn nach Berlin gegangen.“ Kohl habe ein starkes Bedürfnis nach Ergebenheit, und das liegt Fink nicht, der gerne selbst bestimmt, was er tut. „Außerdem war Geißler damals mein Chef und Kohl wollte ständig an ihm vorbei mit mir reden.“ Und so etwas gehört sich nach Finks Auffassung nicht.
Nun zählen Loyalität und Aufrichtigkeit im Allgemeinen nicht zu den hervorstechenden Eigenschaften von Politikern. „Das stimmt“, sagt Fink, „da bin ich untypisch.“ Aber er ist ja sowieso einen anderen Weg gegangen: „Ich habe mich immer zuerst den Ideen verpflichtet gefühlt und erst dann der Politik.“ Die meisten Politiker würden in erster Linie danach schauen, wofür sie eine Mehrheit gewinnen können, und das dann richtig finden. „Unser System zieht leider eher diesen Typ an.“ Als er 1979 neben dem Generalsekretär Geißler, als dessen enger Vertrauter er gilt, zum Bundesgeschäftsführer seiner Partei aufsteigt, erreicht Finks politische Karriere einen ersten Höhepunkt.
Im Sommer 1981 geht es dann weg aus dem beschaulichen Remagen bei Bonn, wo er gern abends mit dem früheren Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier spazieren geht. „Ich hab mich dort sehr wohlgefühlt.“ Die ganze Familie zieht nach Spandau mit Blick auf die Havel und lebt sich in Berlin schneller ein als gedacht. Was Fink besonders ansprechend findet: Als Berliner kann er wesentlich unaufwendiger in die DDR einreisen als zuvor. „Zu dieser Zeit war ich viel in Freiberg.“ Dort lernt er Rainer Eppelmann kennen, den evangelischen Pfarrer, und Ralf Hirsch, den Gründer der Initiative für Frieden und Menschenrechte, beide in der DDR-Widerstandsbewegung aktiv. Hirsch muss später deswegen sogar in den Westen fliehen. Ulf Fink ist berührt und unterstützt – auf seine Art. 1988 bringt er als CDA-Vorsitzender eine Gruppe von Betriebsräten dazu, in die DDR zu reisen „Ich habe damit an alte deutschlandpolitische Traditionen der CDA angeknüpft, was viele verblüfft hat.“ Später verhängt die DDR ein Einreiseverbot gegen ihn. „Das war Gott sei Dank nicht lange problematisch, weil kurz danach die Wiedervereinigung kam“, freut er sich. Den November 1989 erlebt er als Politiker in der Opposition. Bis kurz zuvor war Fink Senator für Gesundheit und Soziales des Landes Berlin gewesen. Als er später seine Stasiakte einsehen kann, findet er nichts Spektakuläres: „Da stand drin, was zu erwarten war, man ist eben bespitzelt worden“, erklärt er lakonisch.
Seine zweite Frau, Ingrid Völker, lernt Fink 1995 kennen und lieben. 1997 gründet er gemeinsam mit ihr und Warnfried Dettling, einem alten Weggefährten aus Bonner CDU-Tagen, die Wiso-Gruppe und macht seine Frau zur Geschäftsführerin. Die Gruppe besteht aus drei Unternehmen. Das Institut für Wirtschaft und Soziales soll „Wege aus den Denk- und Handlungsblockaden“ aufzeigen, Vorschläge zu grundsätzlichen und aktuellen Themen erarbeiten, veranstaltet Diskussionsforen und erstellt internationale Vergleichsstudien. Die Wiso ISW Gemeinnütziges Institut für Soziales & Wirtschaft GmbH unterstützt soziale Projekte, und die dritte Säule ist die Wiso S.E. Consulting GmbH, die die Aktivitäten der Gruppe bündelt und für Kongressorganisation und Unternehmensberatung steht.
Und hier liegt Finks größter Erfolg der jüngeren Zeit. Mit dem Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit hat er vor genau zehn Jahren eine Veranstaltung auf den Weg gebracht, die damals ohne Vorbild war und heute zu den Pflichtterminen gehört. Eine gemeinsame Tagung von Ärzten, Politikern, Ökonomen und Pflegern war in der damals noch stärker als heute vom Sektorendenken geprägten Branche fast undenkbar gewesen. Der Jubiläumskongress findet vom 20. bis 22. Juni wie immer im Berliner Kongresszentrum ICC statt. Inzwischen hat das Konzept zahlreiche Nachahmer gefunden, und auch Fink selbst veranstaltet heute drei weitere Kongresse in München, Hamburg und Essen. Neben den Kongressen sind Finks Lieblingssteckenpferde das deutsch-polnische und das deutsch-türkische Gesundheitsforum, die sich den Meinungs- und Erfahrungsaustausch zwischen wichtigen Akteuren der beteiligten Länder auf die Fahnen geschrieben haben.
Vor allem zur Türkei hat Fink eine besondere Beziehung. Am liebsten würde er die Hälfte des Jahres dort verbringen. „Das liegt jetzt ganz in der Hand meiner Frau“, schmunzelt er. Wenn sie sich mehr Zeit nimmt, kann es losgehen. Und: „Ich arbeite daran.“ <<
Sara Stern
